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Kehdinger Geschichte

Kehdinger Geschichte


Erstmalig genannt wurde Kehdingen in der Urkunde von 1156 nach Christi als Land "Kadinges" und galt noch nach den ersten Eindeichungen als "Insula Caddigi", das Inselland Kehdingen. Auf das aus dem Wasser gewachsene Land beziehen sich noch mehrere Ortsnamen wie Balje, Bützfleth, Abbentleth (Wasserflächen, Priele, Flethe), Barnkrug (Wasserkrug), Hamelwörden, Itzwörden (Wurten im Wasser), Freiburg (freie Wurtenansammlungen).

Auch viele hiesige Familiennamen sind landschaftsbezogen wie von Bargen, von (der) Reith, von Allwörden, von Holt, von Borstel, von Busch und viele andere.

Die Eindeichung des Unterelbe­Gebietes hat die neue Entwicklung unserer heutigen Landschaft eingeleitet. Aus dem Binnenland zogen die Menschen an die Ufer.
Die Reihendörfer und Deichansiedlungen zeugen noch davon. Diese Ansiedlungen lagen zwischen breiten Prielen, die zu Entwässerungsläufen des Binnenlandes und zu Verkehrswegen wurden. Diese umschlossenen Gebiete stellen noch heute unsere Bauernschaften dar. Der Deich wurde Schutzwall und Verbindungsweg zugleich.

Die Besiedelung Kehdingens verdanken wir der erzbischöflichen Bremenschen Landesherrschaft, der unser Gebiet unterstand. Zur Durchführung der ungewöhnlichen großen Leistungen wurden niederländische Kolonisten eingesetzt.

Obgleich unsere Gegend der Landesherrschaft unterstand, waren doch die Kehdinger ein freies Volk mit einer eigenen Verfassung. Vertreten wurde die Landesherrschaft von Gräfen und Hauptleuten, die gewählt wurden. Sie mußten Kehdinger sein. In besonderen Fällen entschied die Gesamtheit des Kehdinger Volkes durch die von ihm gewählten Geschworenen. Das oberste Appellationsgericht für alle Kirchspiele war das Landgericht in Hamelwörden. Es tagte im Turm der Kirche zu Hamelwörden. Die Gesamtheit des Volkes bestand aus dem Adel (Volksadel), den Hauptleuten, Meiern, Kötnern und Häuslingen.

Der Adel hatte in der Verwaltung des Landes Kehdingen eine führende Rolle. Aus seinen Geschlechtern gingen die Hauptleute hervor, die den Stamm der alten Bauerngeschlechter bildeten. Den adlig freien Gutsherren stand eine eigene Gerichtsbarkeit erster Instanz sowie das Polizeistrafrecht über die auf ihren Höfen wohnenden Meiern und Häuslingen zu. Die Menschen damaliger Zeit wurden durch den Kampf mit der Umwelt gehärtet und schweren Prüfungen unterworfen.

Die Chronisten bezeichnen ihn als den Typ, dem ein nüchterner, besonnener und praktischer Wirtschaftssinn nachgesagt wird.

Als aus dem Umland nach mühsamer Arbeit in Jahrhunderten ein üppiges Kulturland erblühte und sich mehr und mehr ein unabhängiges Volkswesen gestaltete, wuchs der Neid der Landesherrschaft, und es kam zu blutigen Auseinandersetzungen, in deren "Verfolg" Kehdingen große Kontributionsleistungen auferlegt und die Verfassung genommen wurde.

Es lösten sich gute und böse Zeiten ab. Kriege zogen durch unser Land. Von der Elbe her ergab sich ein geeignetes Angriffsziel. Räubernde Banden trieben ihr Unwesen zu Wasser und zu Lande. Die Not wuchs, und mehrere Einwohner, besonders aus dem Raum Assel, flohen vor Last und Gefahr auf das holsteinische Ufer. Trotz Leidenszeit und der Verarmung fanden die Einwohner immer wieder den Mut zum Neubeginn. Sie entwickelten Gemeinsinn in der Not und gründeten Selbsthilfeeinrichtungen und Hilfsgemeinschaften.

Aus den Urkunden und Unterlagen der noch heute in Assel bestehenden Gilden, der Liebfrauenbrüderschaft und der Schiffergesellschaft, erstere um 1472 gegründet geht hervor, wie groß die Not war und wie mit Spenden der Mitglieder erste Hilfe geleistet werden konnte. Später traten auch Leistungen in Form von Darlehn auf zur Hilfe derjenigen Einwohner, die durch Feuer ihre Behausungen verloren. Aus diesen Einrichtungen wurden später kleine Brandkassen, die von ihren Mitgliedern Beiträge und Umlagen erhoben. Es dauerte noch Jahrhunderte, ehe aus diesem Grundgedanken eine alles umfassende genossenschaftliche Idee verwirklicht wurde.

Das Land Kehdingen bestand nach der Trennung der Neuhäuser Marsch fortan aus dem Freiburger Teil und dem Bützflether Teil. Nach der verheerenden Flut von 1717, die den katastrophalen Deichbruch in Wischhafen zur Folge hatte, beanspruchte die damalige Regierung in Hannover das mit großen Kosten wieder eingedeichte Land und richtete das Amt Wischhafen ein, das im Jahre 1859 erst mit dem Amt Freiburg vereinigt wurde.

Mit der Bildung der Ortschaften entstanden auch unsere Gotteshäuser. In Kehdingen stehen heute 9 Kirchen, von denen sich die älteste in Assel befindet. Dieses im Jahre 1100 n. Chr. gebaute Gotteshaus war nicht nur Stätte der Sammlung und des Gebets, sondern bot auch Zuflucht und Schutz vor Hochfluten und Überfällen. Die Kirche in Assel überliefert uns eine mittelalterliche Ausstattung und einen Taufstein aus dem 13. Jahrhundert. Ihr hoher
Kirchturm diente einst unseren Seefahrern als Richtzeichen.

Das Land Kehdingen ist jetzt ein Teil des Kreises Stade. Der alte Kreis Kehdingen, der sich mit dem Lande Kehdingen deckte, ist eingegliedert worden. Es wird jedoch die Bezeichnung Kehdingen als Kreisteil bleiben. Mit der Benennung unserer Bank als Volksbank Kehdingen kommt die Verbundenheit zur Heimat zum Ausdruck.

Wer zur Frühlingszeit als Fremder in unsere Heimat kommt ist angetan von dem Reichtum an natürlichem Schmuck, den ihm die Natur bietet. Der weite Blick auf dunkelgrüne Weiden und Wiesen des Außendeichs, auf die gepflegten, viel versprechenden Ackerflächen, auf blühende Obstbäume und eine Wanderung in das stille, verträumte Moor sowie auch ein Verweilen am weltverbindenden Elbstrom beeindruckt den Besucher.

Unsere Landwirtschaft konnnte sich aus dem auf Selbstversorgung ausgerichteten Bauernhof zu Produktions- und Versorgungsunternehmen entwickeln.

Die Pferdezucht hat den Namen Kehdingen über die Landesgrenzen hinausgetragen. Aus dem Arbeitspferd, das den schweren Marschboden einst vielfach im Sechsergespann pflügte, ging durch züchterische Leistungen ein erstklassiges hannoversches Warmbrut hervor. Für die Aufgaben des Heeres lieferte unsere Landwirtschaft viele Remonten. Noch heute finden alljährlich für unseren Raum auf Krautsand und in Freiburg Pferdeschauen statt, wo kritisch Urteil von ersten Kennern gesprochen wird.

Kehdingen ist mit dem angrenzenden "Alten Land" das leistungsfähigste und größte geschlossene Obstanbaugebiet Deutschlands. In das 18. Jahrhundert reicht der Erwerbsobstbau innerhalb der Hofwirtschaft als Nebenbetrieb zurück. Erst in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts blühte die Obstwirtschaft auf. Absatzmarkt war damals Hamburg. Noch vor 50 Jahren waren Flächen von 5 bis 6 ha große Betriebseinheiten. Heute bestehen andere Größenordnungen. Weitgehende Kenntnisse der Obstbaum- und Sortenpflege, neuartige Aufbereitungs- und Frischhaltungsmethoden, Wissen um Marktforderungen und Absatzordnungen legen sowohl dem Erzeuger als auch der Handelsstufe sehr große Aufgaben auf. Einflüsse handelspolitischen Art und Regelungen der Europäischen Gemeinschaft engen weitgehend die Entscheidungen der Erzeuger und der Handelsstufe ein.


Sie haben besonders in den letzten Jahren zu krisenhaften Erscheinungen geführt. Die Ziegelherstellung ist seit Jahrhunderten im handwerklichen Nebenbetrieb auf den Höfen und später als Kleinindustrieunternehmen betrieben worden. In der Chronik wird bereits um 1545 ein Steinschiffer genannt, der seine Fracht von der Unterelbe nach Hamburg beförderte. Mit Beginn der großen Bauperioden ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewinnt die Ziegelsteinfabrikation wachsende Bedeutung. Im Jahre 1877 standen im Kreise Kehdingen 118 Brennöfen für den roten Ziegelstein. Fast die gesamte Erzeugung wurde von unseren Binnenschiffern verfrachtet. Eine Entwicklung, die um diese Zeit Arbeit und Verdienst für viele brachte.

Von erheblicher Bedeutung ist die hier beheimatete Schifffahrt, von der sich die Küstenschifffahrt wegen ihrer Kapazitätsausweitung besonders herausnimmt. Die Anzahl der Schiffe, besonders der Binnenschiffe, ist sehr zurückgegangen, dafür sind die einzelnen Einheiten vergrößert worden.

Aus der Lage, den natürlichen Gegebenheiten und den Beziehungen der ersten Einwohner zum Wasser ergab sich das Verlangen, sich die Wege zu Wasser nutzbar zu machen. Seit eh und je war der Mensch auf das Wasser angewiesen; das Wasser trug ihn in einfachen Kähnen und Schiffen zu guten und bösen Fahrten. Bereits um 1620 gab es eine Fährverbindung zwischen Freiburg und Glückstadt, die auf erzbischöfliche Weisung hin ins Leben gerufen wurde. Mit dem Wachstum der Stadt Hamburg zum großen Verbraucherzentrum, mit der Entwicklung des Hamburger Hafens als Umschlagplatz für den weltweiten Handel nahm sowohl die Binnen- als auch die Küstenschifffahrt zu. Die Schifffahrt wurde dadurch für unseren Wirtschaftsraum zu einem besonderen Faktor. Die Wirtschaftssteigerungen brachten es mit sich, daß heute die Küstenschifffahrt weit größeren Umfang angenommen hat und über Schiffe verfügt, die den bisherigen Rahmen sprengten und alle europäischen Häfen ansteuern können. Unsere Handwerksbetriebe sind im Sog der Technisierung aus dem Einmannbetrieb zu Unternehmen gewachsen. Auch hier hat die Automation manche Betriebe zum Erliegen gebracht. Verschwunden ist der Beruf des Segelmachers, des Reepschlägers, des Holzschuhmachers, des Wagenbauers und des Stellmachers. Heute arbeiten in unserem Raum leistungsfähige, mittelständische Handwerks-, Handels- und Industriebetriebe, die vielen Menschen Verdienst bringen. Im Raume Bützfleth haben sich die Großbetriebe der Vereinigten Aluminiumwerke und der Dow Chemical angesiedelt.

Wenn der "Nordwest" die See in die Elbmündung treibt und die Sturmfluten Ufer und Deiche bedrohen, spüren wir die Kraft der Naturgewalten. Dann kommt uns zum Bewußtsein, wie sich unsere Vorfahren mit diesen Gewalten auseinandersetzen mußten und was sie leisteten, ehe das Land zu dem wurde, was es heute ist. Im Schutze der Deiche und Wurten fühlen sich heute die Bewohner sicher.


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